Im Gänsemarsch die Treppe hoch – Von Herausforderungen, Entwicklung und Vertrauen
Manchmal fehlt mir einfach eine Hand. Oder zwei.
Die Treppe rauf, die Treppe runter – mit kleinen Kindern wird das zu einer echten Kunstform. Ich hab alles erlebt: Ein Kind auf dem Arm, zwei an der Hand. (Das geht? Ja, das geht) Einer bleibt oben stehen und sucht noch schnell die Katze (bitte, bitte diesmal nur die Katze, nicht den Wassernapf!) – einer rutscht schonmal auf dem Popo runter. Und ich irgendwo mittendrin – als Absturzsicherung und Packesel zugleich. Gerade, wenn man als Tagespflegeperson eine recht altershomogene Gruppe hat(te) und alle schon eine Weile mit an Bord waren, dann trifft einen dieses Thema kalt, wenn die Großen gehen und wieder Babys (also die 1jährigen Kinder) an Bord sind. Die sind einfach noch nicht so souverän und oft werde ich von Eltern in der Eingewöhnung gefragt: Soll ich noch was helfen – geht das? Und ich nehme dankend an und schnaufe innerlich bei dem Gedanken, dass ich in ein paar Wochen diese Strecke von vielleicht 5 Metern und 2,5 Höhenmetern wieder alleine bewältigen muss.
Da stehen wir gemeinsam am Abgrund.
Ich erinnere mich an die Hausbegehung mit dem Jugendamt („Denken Sie daran, wie Sie die Treppen überwinden“), an das dicke Tau, was als zweites Geländer an der Wand befestigt ist und bin dennoch irgendwie ratlos. Na klar, es sind nich auf einmal fünf 1jährige Kinder, die alle nicht laufen können, es sind immernoch Große dabei, aber die müssen sich mit der neuen Situation auch erst anfreunden. Die wollen so schnell runter wie immer. Und an die Hand, wie immer, aber ich habe gerade zwei Kleine auf dem Arm und es geht einfach nicht. Schließe ich das Treppengitter hinter mir, werden auch die Großen unsicher, lasse ich es offen und bringe die Babys schnell runter, könnte in der Zwischenzeit etwas passieren. Da hilft nur Timing und eine kleine List. „Guck doch bitte mal, ob die Luna (unsere Hündin) in ihrem Körbchen liegt!“ – Das Körbchen ist weit genug weg von der Treppe, so dass das Nachsehen etwas Zeit verschafft und ich kann durch die Stufen dennoch sehen, was oben passiert. Luna haben wir außerdem in der Küche gelassen, aber sowas ist schnell vergessen. Babys runter, schonmal die Tür zum Betreuungsbereich offengelassen und schnell wieder hoch,. Unterwegs Kinder wieder zurückrufen „Ach, die Luna ist ja gar nicht da….“ und nochmal spicken, ob die Kleinen wirklich unten bleiben. Wenn dann alle unten sind, stehe ich ein ums andere Mal da und denke: Puuuuhhhh, geschafft. Nach dem Essen nachher noch einmal, dann bin ich durch für heute.
Und dann plötzlich – läuft‘s.
Einer möchte jetzt selbst laufen. Ein anderer rutscht rückwärts langsam aber stetig und winkt mir dabei stolz zu. Die Kleine greift nach dem Geländer, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Mit beiden Händen, mein vehementes Angebot ihr eine Hand zu reichen wird völlig abgelehnt. Es wird geschoben, gestrauchelt, gelacht – und immer ein Stück gewachsen.
Was von außen vielleicht wie ein kleines Alltagsmanöver aussieht, ist für Kinder ein Riesenschritt in ihrer Entwicklung:
Jede Stufe verlangt Gleichgewicht, Kraft und Koordination. Vom Sozialen Lernen mal ganz zu schweigen. Hier gibt es Rücksichtnahme, Warten, Helfen – sich selbst mal aus dem Fokus nehmen. Aber auch: Drängeln und Meckern oder so mit sich selber beschäftigt sein, dass ein Achten auf die anderen Kinder gerade nicht möglich ist. Egal in welcher Position und Rolle, die Selbstwirksamkeit und das Selbstvertrauen werden genährt: „Ich kann das jetzt allein!“ Alles gehört dazu. Auch die Bindungssicherheit: Da ist jemand, der auf mich achtet – mir auch etwas zutraut – und auch einen Schritt zurück zulässt. Jemand, der meine Not erkennt, mich im tiefen Gedränge hochnimmt und zeigt: „ich sehe dich, ich bin da“.
Und ich als Tagesmutter?
Ich stehe mit großen Augen dahinter. Beobachte. Halte im Zweifel fest. Und staune, wie kompetent so kurze Menschen schon sind. Ich denke zurück an die Zeit vor ein paar Wochen, als ich mit klopfendem Herzen an der Treppe stand und es mir manches Mal auch zweimal überlegte, ob wir diesen Gang jetzt wirklich machen müssen. Es kommt mir mit einem Mal sehr weit weg vor. In mein Erstaunen mischt sich das Wissen um die nächsten Herausfordernden. Da gibt es noch mehr Treppen im Haus. Die leuchten und blinken für den ein oder anderen Freeclimber – sie rufen: „Go-Go-Go jetzt gleich noch weiter!“ Bei uns ist nicht alles abgesperrt, wir sind ja nicht im Zoo und so manches beruht auf Kooperation und Absprachen (das geht? Mit so kleinen Menschen? – Ja, das geht. Die Absprachen leben von Wiederholungen, vielen, vielen Wiederholungen :-) ). Jeder Entwicklungsschritt lässt alte Herausforderungen obsolet werden und bringt neue Themen mit sich, manche sind kalkulierbar, manche überraschen mich. Die Kreativität und Fülle der Einfälle, die Intervention erfordern ist schier unerschöpflich.
Und so stehe ich auch morgen wieder hier, staunend über die Entwicklungen, die kleinen Wunder und Momente, die viel über Beziehung und Vertrauen erzählen. Ich stehe hier lächelnd, wiederholt „Nein-Nein-Nein!“-rufend, bis sich die neue Situation wieder eingegroovt hat und wieder neue Perspektiven vor uns liegen – wie immer gemeinsam.





Hinterlasse einen Kommentar